Zuhören
Audio | 28.08.2026 | Dauer: 00:04:35 | SR kultur - (c) SR
Themen
Im Sommer habe ich drei Wochen in den Niederlanden gearbeitet. Mit Gruppen von Freiwilligen haben wir uns um die zeeländische Landschaft gekümmert: Gemähtes aufgeharkt, Obstbäume geschnitten, Bärenklau bekämpft, Friedhöfe gepflegt.
Neben der Natur waren auch die Kaffeepause und die Mittagspause wichtig. Alle saßen im Kreis, Mitgebrachtes wurde geteilt und verzehrt, es gab Gespräche über dies und das.
Je nach Gruppengröße ging es ruhiger oder lebhafter zu.
In einer eher lebhaften Mittagspause sagte plötzlich eine junge Freiwillige: „Könnt ihr bitte kurz alle still sein, damit ich beten kann, damit ich auch essen kann?“ Alle waren irritiert, aber schwiegen einen Moment, bis die junge Frau „Danke!“ sagte.
Dann fragte einer der Freiwilligen „Warum müssen wir still sein, wenn du beten willst?“ Sein Unverständnis, seine Kritik schwangen in der Frage mit. Aber sein Ton war ruhig, nicht angreifend. Ich hatte den Eindruck, dass er auch wirklich verstehen will. Dies machte es der jungen Frau leicht, sich zu erklären. Sie musste sich nicht angegriffen fühlen. Und es musste auch niemand Partei für sie ergreifen. Aus der kritischen Frage, wohlwollend vorgebracht, entwickelte sich ein sehr interessantes Gespräch in der Gruppe. „Ich finde es eine Frage der Ehrfurcht“ sagte die junge Frau. Eine andere sagte „G*tt ist doch in der Stille.“ Einer fand, dass doch alles ein Gebet sei. Alle Meinungen wurden aufmerksam gehört. Es wurde nichts wertend kommentiert. Und bald ging es mit einem anderen Thema ebenso weiter.
Mich hat diese Art der Kommunikation sehr beeindruckt.
Sie geht von unterschiedlichen Meinungen aus. Es gibt etwas, das mich stört. Etwas, was der andere tut oder die andere sagt. Aber ich halte nicht direkt meine Meinung dagegen, sondern füge sie hinzu. Ich mache deutlich, dass ich etwas seltsam, nicht gelungen, unangemessen finde, aber mache mein Urteil nicht zum Maß, sondern will das Gegenüber verstehen. Dadurch muss sich die andere nicht angegriffen fühlen, er fühlt sich gesehen, es kann zu einem offenen Dialog kommen.
Ich durfte bei den Niederländer*innen etwas erleben, das uns Deutschen, so glaube ich, schwerer fällt. Es darf völlig unterschiedliche Wertvorstellungen, Glaubensüberzeugungen, Lebensstile, politische Meinungen geben und dennoch akzeptieren wir uns, versuchen wir, einander zu verstehen, können wir miteinander arbeiten und leben.
Um ehrlich zu sein. Ich nehme mir diese Art der Kommunikation regelmäßig vor. Ich will aufmerksam zuhören, mein Gegenüber verstehen. Aber oft gelingt es mir nicht. Dann kommt eine Meinung, die mir so gegen den Strich geht, dass ich direkt widerspreche. Und schon geht es nicht mehr ums Zuhören, ums Verstehen, sondern ums Recht haben. Und damit ist der Dialog zu Ende.
Nicht nur im privaten Bereich ist das nicht förderlich für das Miteinander. Auch in der Gesellschaft und in der Politik ist das so. Und ich habe den Eindruck, dass es immer mehr so wird.
Es geht nicht mehr ums Verstehen, nicht mehr ums Gemeinsame, sondern nur noch darum, wer Recht hat, wer das letzte Wort hat, wer sich durchsetzt. Es geht nicht mehr ums Miteinander, sondern ums Gegeneinander. Nicht mehr darum, gemeinsame Lösungen zu finden, sondern darum, wer die Macht hat, seine durchzusetzen.
Das Erleben in den Niederlanden hat mich ermutigt, dran zu bleiben. Ruhig zuzuhören. Statt meine Meinung gleich dagegen zu halten erst einmal zu fragen: „Wie bist du zu dieser Sichtweise gekommen?“ „Warum denkst du so?“ „Warum ist dir das wichtig?“
So wird aus einer Diskussion ein Gespräch. So kann es ein Miteinander von Unterschiedlichem geben. So können sich Perspektiven verändern.
Zuhören ist dabei mehr als still sein. Es bedeutet, die eigene Antwort, die eigene Meinung für einen Moment zurückstellen und erst einmal verstehen wollen.
Aktives Stillsein ist ein starker Beitrag zum Dialog. Und Dialog stärkt Gemeinschaft. Und die brauchen wir. Dringend
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