Das zweite Gesicht

Das zweite Gesicht

Audio | 07.02.2026 | Dauer: 00:04:14 | SR kultur - (c) SR

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Diese Woche bin ich auf ein Lied gestoßen, das ich früher richtig gern gehört hab. Es heißt „Das zweite Gesicht“ und ist von Peter Fox. Das Lied ist schon fast zwanzig Jahre alt, aber es spricht mich immer noch so sehr an wie früher. Die Stimme bebt und der Blick ist Eis Gleich geht jemand hier zu weit Die Zunge ist geladen und bereit Die Wörter von der Leine zu lassen, sich Feinde zu machen Die Pfeilspitzen voller Gift Der Feind wackelt, wenn du triffst Du triumphierst, wenn er kippt Doch morgen, um diese Zeit, tut es dir leid Oh, das Gefühl kenne ich gut. Mir liegen böse Worte öfter auf der Zunge als mir lieb ist. Vielleicht überrascht Sie dieses Geständnis - immerhin hören Sie ja grade einer Pfarrerin zu. Aber ich bin keine Heilige, nur weil ich zu Gottes Bodenpersonal gehöre. Ich bin genauso Mensch wie jeder andere. Und auch ich hab eine Seite, die ich allzu gern vor mir selbst verstecken will. Ich nenne das: mein „zweites Gesicht“. Manchmal fällt es mir schwer, mein zweites Gesicht im Zaum zu halten. Wenn die Wut in mir kocht. Ja, dann möchte ich gern mal einen Giftpfeil abschießen, jemanden beschimpfen. Ich werde nie ein besonderes Mal vergessen, als ich mein zweites Gesicht nicht zügeln konnte. Eine Mit-Studentin hat mich damals zur Weißglut getrieben. Alles an ihr hat mich rasend gemacht. Und dann habe ich sie richtig verletzt mit meinen Worten. Sie haben tief gesessen. Hinterher habe ich mich in Grund und Boden geschämt. Meine Wut war zerstörerisch. Sonst nichts. Im Lied von Peter Fox wird dieser Kontrollverlust so beschrieben: Denn es steckt mit dir unter einer Haut Und du weißt, es will raus ans Licht Die Käfigtür geht langsam auf und da zeigt es sich Das zweite Gesicht Im Lied ist das zweite Gesicht wie ein bedrohliches Tier, das man besser weg sperrt. Worte können verletzen. Tief. Nachhaltig. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Aber mein Glaube hilft mir, das zweite Gesicht als Teil von mir zu sehen. Mein zweites Gesicht zeigt mir, dass etwas nicht stimmt – aber es sagt mir noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Die Wut ist ja zuallererst mal ein Zeichen. Sie sagt: Hier ist eine Grenze überschritten. Hier ist etwas nicht in Ordnung, etwas fühlt sich falsch an. In der Bibel steht: „Zürnt ihr, so sündigt nicht.“ Das hat mich lange irritiert. Zorn, Wut ist also nicht einfach schlecht? Auch Jesus wird wütend, als Menschen gedemütigt werden. Der Unterschied liegt nicht in der Wut selbst, sondern darin, was ich aus ihr mache. Mein zweites Gesicht erinnert mich daran, dass ich verletzlich bin. Dass mir Menschen wichtig sind. Dass mir Gerechtigkeit nicht egal ist. Und genau deshalb darf es da sein. Aber ich lerne immer wieder, ihm nicht das letzte Wort zu lassen. Vielleicht geht es also gar nicht darum, das zweite Gesicht einzusperren. Sondern darum, ihm zuzuhören – und dann eine Entscheidung zu treffen. Nicht jede Spitze abzufeuern. Nicht jedes Gift loszulassen. Vielleicht nur den Zorn, der wirklich angebracht ist. Der die Luft klärt und reinigt. Man spricht ja auch vom „heiligen Zorn“. Und wenn es passiert? Wenn Worte gefallen sind, die ich nicht mehr einfangen kann? Wenn die Situation dadurch nicht verbessert, sondern nur noch schlimmer wurde? Dann gilt: Auch das darf vor Gott stehen bleiben. Er vergibt – und ich darf es neu versuchen. Ich bin nicht perfekt. Und muss es auch nicht sein. Gott kennt mein zweites Gesicht längst – und hält mich trotzdem aus.

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